Ausstellungsgestaltung, Bauernhaus-Museum Allgäu-Oberschwaben Wolfegg
Dauerausstellung Hof Beck
Info
In den historischen Räumen des auf das Gelände translozierten Bauernhofs erzählen wir Geschichten rund um die Familie Beck, die das Anwesen um 1900 bewirtschaftet hat. In Wohnhaus, Ställen und auf dem umliegenden Gelände berichten wir von den Herausforderungen einer kleinbäuerlichen Landwirtschaft und geben individuelle Einblicke in den Alltag der Eheleute Maria und Franz Beck und ihrer drei Kinder. Die Dauerausstellung haben wir so weit wie möglich inklusive gestaltet — ein Großteil der Inhalte lässt sich über mehrere Sinne erfassen.
Fotografie → Anja Köhler
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2024 / Universal Design Award
Winner Expert

2024 / Universal Design Award
Winner Consumer

Die Challenge
Unsere Aufgabe lautete: Erzählt Geschichten rund um die kleinbäuerliche Familie Beck, die das Gehöft um 1900 bewirtschaftete. Die Herausforderung: Von den Eheleuten Franz und Maria und ihren Kindern Anna, Kreszentia und Franz Junior sind keine visuellen Zeugnisse wie Fotos oder Gemälde überliefert. Und ihre Biografien liegen uns nur bruchstückhaft vor. Auch originale Möbel oder Fotos der Interieurs sind nicht hinterlassen. Wir können uns also kaum ein visuelles Bild der Familie und ihrer Behausung machen.
Wir fragen uns: Wie schildern wir auf dieser Grundlage Spezifika der Bewohnenden? Wie geben wir Einblicke in den Alltag einer Familie, ohne sie konkret darzustellen? Wie schaffen wir (Ab-)Bilder, die einerseits Relevantes erzählen und dennoch nicht ins Spekulative driften?
Wir entscheiden, die Becks zu zeigen — in einer Holzschnitt-Ästhetik, die formal an die Zeit um 1900 anknüpft, als der künstlerische Holzschnitt noch sehr verbreitet war. Die Grobheit des Holzschnitts kommt uns entgegen; er zeigt wenig Details und fokussiert aufs große Ganze. Zusätzlich sparen wir die Gesichter der Personen aus und lassen sie im Unklaren.
Die Personen-Zeichnungen skalieren wir auf Lebensgröße und drucken sie auf Plexiglas. Damit holen wir sie ins Heute, auf die Vermittlungsebene. Zwölf Pexiglasfiguren und zahlreiche Tiere wie Hühner, Kühe, Schweine, ein Pferd und eine Ziege bevölkern Haus und Ställe.





Storytelling
Das Storytelling-Konzept für die Ausstellung haben wir weitgehend inklusiv gedacht: Lebensgroße Figuren der Familie Beck erzählen uns über Audiospuren – emotional auf schwäbisch eingesprochene – Geschichten aus dem bäuerlichen Alltag um 1900. Für blinde Besuchende haben wir jedes Familienmitglied ein Mal aus Holz als tastbare Figur schnitzen lassen und zum Befühlen neben den entsprechenden Aufsteller montiert. Die Audios sind über große Tasten abrufbar und für blinde Besuchende mit Braille- und Profilschrift versehen. Schön ist, dass das feine, haptische Erlebnis gleichermaßen von Blinden und Sehenden genossen wird.
Atmosphärische Tiergeräusche im Hintergrund runden das sinnliche Erleben ab. Für gehörlose Menschen stehen alle Audios in Gebärdensprache zur Verfügung.
Danke an Richard Lodziato für die Schnitzereien und an Stefan Bachmann für die Illustrationen.







Inklusives Ausstellungsdesign
Sowohl die sachlichen Themen-Texte auf den Stelen, als auch die charmant im Dialekt eingesprochenen Wort-Beiträge der Familie Beck gibt es für blinde Besuchende als Audios. Zusätzlich kommen tastbare Braille- und Profilschriften zum Einsatz. Und wir ermöglichen blinden Besuchenden einen figürlichen Eindruck der Protagonist:innen mittels geschnitzter, tastbarer Skulpturen.
Gehörlosen Besuchenden steht ein tragbarer Guide mit Texten in Gebärdensprache zur Verfügung. In einer Broschüre vor Ort sind alle Texte auch in leichter Sprache verfasst.







„Analoge VR“ und interaktive Elemente
Das Erdgeschoss in Wohnhaus und Tenne ist berollbar. Texte und funktionale Elemente sind für Rollstuhlfahrende in geeigneter Höhe angebracht.
Für mobil eingeschränkte Menschen, die die enge, steile Treppe ins Obergeschoss nicht bezwingen können, machen wir die oberen Räume im Erdgeschoss zugänglich: Wir haben ein höhenverstellbares, unterrollbares Modell des Wohnhauses gebaut, bei dem man durch die Fenster in die Schlafzimmer der Becks spickeln kann. Der Blick in die „Guckis“ macht die oberen Räume detailliert und sogar dreidimensional erfahrbar. Hier haben wir Stereofotografie eingesetzt — eine Technik, mit der bereits um 1850 die räumliche Wahrnehmung von Bildern erzeugt wurde. Zu den Räumen gibts die entsprechenden Ausstellungstexte und Familien-Geschichten zum Anhören über Hörmuscheln. Die „analoge VR“ entstand in Zusammenarbeit mit Markus Bader-Rampas, der auch Detailplanung und Stereofotografie übernommen hat.
Weitere interaktive Hands-On-Stationen bieten informative und sinnlich haptische Erlebnisse: Ein taktiler Umgebungsplan, eine Fühl-Kuh, tastbare Rätsel-Boxen und Faksimiles historischer Exponate wie Figurinen mit Kleidung und Accessoires laden zum Anfassen und Ausprobieren ein.






Taktiles Umgebungsmodell
Für blinde Besuchende haben wir ein tastbares Umgebungsmodell entwickelt; es vermittelt einen Eindruck, wie der Hof Beck um 1900 in die Gemeinde Taldorf und Umgebung eingebettet lag. Häuser und Straßen sind erhoben und tastbar, sowie die unterschiedlichen Flurstücke, die von den Becks bewirtschaftet wurden: Waldstücke sind in Kork eingelassen, Wiese in Filz und Ackerflächen sind als Kokosfasern fühlbar. Grundlage ist eine historische Karte, die auf das Holzmodell gelasert wurde.
Auch hier konnten wir auf die Expertise von Markus Bader-Rampas zählen, der Detailplanung und Umsetzung übernommen hat.








